Stereo Heckert – ein zeitgeschichtliches Poster von Aggressivität und Pop 12.12.
Dem dritten Heft vorab ein darin unveröffentlichter Text über die von uns in jeder Hinsicht nur allzu verklärt dargestellten Plattenbau-Neunziger und das schrullige Leben darin und damit.

Abgeschliffenene Plakate aus den 90er Jahren hängen an der Paul-Bertz-Straße herum – was nicht unbedingt „bad taste“ bedeuten soll. Die Fetzen erinnern an die sprunghaft ansteigende Öffentlichkeitbarmachung verschiedener Interessengruppen in der Post-89er-Dekade, die sich eben auch in vermehrtem Plakatieren durch neuaufgestellte Parteien, von Indie-Club-Betreibern und TV-Zeitschriften-Verlagen widerspiegelte. Es ist gleichdem die Zeit von gegeneinander in Front sich stellender Jugendcliquen im Plattenbaugebiet „Fritz Heckert“. Die Papierreste, um die es hier geht, sind ebenso unverhofft übrig geblieben, wie die Kinderkreidezeichnungen heutiger Twens unter den Balkonvorsprüngen der Platten. Das den Hohn an sich abfeierende „Blöd ist Sabine“ oder das schlichte „Doof“- Graffito auf den oberirdisch verlaufenden Heizungsrohren der Planstadt erscheinen heute so unschuldig und zurückgelassen, wie die Reste eines 90er Jahre Stereo Total – Plakats im nun schrumpfenden Heckertgebiet.
Der Verbleib der Stereo Total – Motive am Helbersdorfer Hang ist dem speziellen Abebnem offen ausgetragener sozialer Konflikte in diesem Quartier geschuldet. Der schwarz auf weiß kopierte Autonomen-Style von Francoise Cactus lässt besonders in Zusammenhang mit diesem städtebaulichem Allerweltseck etwas durchblicken: Solche linken Codes (hier: die Autonomen-Maskierung aus den 80ern) dienten damals als eindeutige Distinktionsembleme in einem relativ rasch sich entmischendem Wohngebiet. Die Fans(!) linker Subkultur wohnten damals dort bei Ihren Eltern, Haus an Haus mit ihren rechten Feinden. Später zogen sie dann aus dem elterlichen und von rechten Übergriffen überzogenem Wohngebiet weg. Oder: Sie wurden zu eher neutral angesehenen Depeche Mode oder Rammstein-Fans, was es eigentlich nicht gab – als ich Viertklässler war. „Bist` links oder rechts? Neutral gibt`s ne!“ wurde ich auf dem Gehweg gefragt und fragte dann auch selbst. Den Neutralos wurde Standpunktlosigkeit vorgeworfen. Die Politisierung der Kindheit und der frühen Jugend war aber vielmehr eine Infantilisierung des politischen Bewusstseins. Den Lagerkämpfen konnte man sich kaum entziehen, zu stark war die Bedeutung der Cliquenzugehörigkeit, des Kleidungs- und Musikstils oder der Frisur. Die kindliche Phantasie aber befeuerte die Gegnerschaft als solche, die Aggressivität und die Ängstlichkeit im Stadtteilraum stieg an.
Allmählich verwittern die zahlreichen „Organisiert den antifaschistischen Kampf“- Writings. Als diese Mitte der Neunziger an Kindergartenwänden und Straßenunterführungen im Heckert-Gebiet darblitzten, erschien diese Losung bereits als von anderen Stadtteilen aus importiert. Dem allgemeinem Rückzug poplinker Footprints wurde damit quasi ein Schlusspunkt nachgesetzt. So ähnlich ist es auch mit den beiden, in den letzten vier Jahren stattfindenden, „Schöner Leben ohne Naziläden“- Demos im Heckertgebiet, weil diese nur geringe Verankerung in der betroffenen Gegend hatten.
Die Konflikte im „Heckert“ heutzutage sprechen eine etwas andere Sprache, als die in Zeiten von Stereo Total- Plakaten. Dort gibt`s die Kaufhalle, die schließt, da wird ein Block geradewegs noch saniert, bevor er schon wieder abgerissen ist. Auf ehemaligen Cliquen-Treffpunkten ruhen sich Leute beim Gassi-Gehen aus oder der letzte Jugendliche spielt auf seiner Gitarre Töne in Richtung Streetball-Anlage… Vielen Einwohnern fällt der Plakaterest „Stereo Total“ wahrscheinlich gar nicht auf. Obwohl Herr Thieme jeden Weg und Steg in der Umgebung kennt – wie in der Stadtteilzeitung Ikarus-Post zu lesen ist – und man mit großer Wahrscheinlichkeit auf der im August, unter seiner Anleitung durchgeführten Stadtteilwanderung dort vorbeistreifte (ein paar Meter entfernt liegt nämlich die besichtigte Steinplatte, die die Gründung des Heckertgebietes dokumentiert), sind die auf Stereo Total bezugnehmenden Personen hier hauptächlich in die Dämmstoffplatten diffundiert…
Nirb Weiling